Von Heike Bauer-Banzhaf

Gleich neben dem Klinikum liegt der Kiosk von Gerdi Preuß. Die gebürtige Westfälin lebt seit Jahrzehnten in Bamberg und immer, wenn mich mein Weg den Kaulberg hinaufführt, freue ich mich auf ein selbstgemachtes Stück Torte bei ihr. Entspannung, handfeste Lebenshilfe und die neueste Preuß-Geschichte gibt es inklusive dazu.
Heute allerdings finde ich die fröhliche Preußin recht still, als ich an einem der Stehtische mit dem schönen Blick auf die Stadt meinen Kaffee trinke und die Käse-Erdbeer-Cremetorte genussvoll in mich hineinschaufele. „Liebe Frau Preuß,“ spreche ich sie an, „was ist denn mit Ihnen los?“
Das ist ihr Stichwort. „Ach, Frau Bauer-Bahnhof,“ (mein Name ist bei ihr so abgespeichert, warum auch immer …), hör bloß auf.“ Und dann legt sie los: „Ich hatte ein Erlebnis mit einem Arzt. Ich war da wegen dieser Schmerzen im linken Bein vom vielen Stehen. Sagt also mein Ehegespons Willi letzte Woche: „Gerdi, geh hin zum Doktor und zeig dem deine Füße, vielleicht brauchst du Einlagen.“
Na gut, denke ich, kann ja nicht schaden. Und geh los zu diesem jungen Arzt in der Siechenstraße. Ach du lieber Himmel, Frau Bauer-Bahnhof, du glaubst es nicht! Von wegen, dass der nun meine Füße untersucht! Nix da! „Frau Preuß,“ raunt er in verschwörerischem Ton, „in der ganzheitlichen Medizin, da hängt alles mit allem zusammen.“
Sie weiß, wie man Geschichten erzählt. Eine gute Schnurre braucht eine Einleitung, die einen aufhorchen lässt und gut gesetzte Pausen, damit die Spannung steigt. Gerdi nimmt also gemächlich einen Schluck Wasser, verschluckt sich fast daran, hustet ausführlich, geht dafür natürlich einige Meter von mir weg, beglückt die nächstbeste Hecke mit ihren Aerosolen, putzt sich laut die vor lauter Aufregung tropfende Nase, desinfiziert sich danach vorbildlich die Hände, gießt mir noch einen Kaffee ein, stellt ein weiteres Stück Torte hin, nun ist es Marzipan-Nuss. Man gönnt sich ja sonst nichts. Währendessen platze ich fast vor Neugierde und löffle, selbstverständlich ohne zu zögern, das zweite Stück Torte in mich hinein. Ausnahmsweise, weil heute Donnerstag ist. Für Torte gibt es jeden Tag einen guten Grund. Nervennahrung. Lecker! Dann geht es endlich weiter mit der Geschichte. Meine Gerdi Preuß sieht mir tief in die Augen und flüstert: „Und nun fängt der Doc das Untersuchen an. Mir wird ganz anders, das sage ich dir, Frau Bauer-äh- Dings! Ich muss das jetzt nicht alles ausführlich beschreiben, diese Prozeduren kennst du doch: Da was hochgeschoben, da was hingebogen, da was reingehalten, da was aufgerissen. Und dann stellt der Schnösel fest: „Frau Preuß, die Schmerzen in ihrem linken Bein sind altersbedingt.“ Ich sage: „Doktor, das kann ja gar nicht sein. Mein rechtes Bein ist genauso alt und tut nicht weh!“ Er hat aber irgendwie meinen Humor nicht verstanden und salbadert weiter: „Wie sieht es denn mit der Bewegung aus? Machen Sie denn Sport?
„Ich kann machen, was ich will, ich bin da ein ganz hoffnungsloser Fall“, antworte ich „Was ich nicht schon alles ausprobiert habe. Aber bei mir sitzt dat Fett an Körperstellen, da findet kein Sport hin.“
Mir fällt fast der letzte Bissen Marzipantorte aus dem Mund vor Lachen. „Ja, Sie verstehen meinen Humor, aber der Doc lachte immer noch nicht! Wie wäre es, noch ein Stück Torte, Frau Bauer-Bahnhof?“ Ich ächze. „Nein, danke.“ Gerdi Preuß setzt nach: „Oder was Herzhaftes? Eine schöne Currywurst vielleicht?“
Überredet. Die Currywurst ist legendär. Dann lasse ich halt das Abendessen weg. Jetzt bin ich schon mal hier. Außerdem will ich schließlich wissen, wie es weitergeht. Gerdi Preuß setzt sich in Bewegung, ich schaue ihr hinterher.
Hat sie etwa abgenommen? Sie wirkt irgendwie schlanker als sonst, denke ich so vor mich hin. Täte mir auch gut, keine Frage. Wenige Minuten später höre ich das Ende der Geschichte, mein Mund gestopft voll mit Currywurst und ein paar Pommes. Kleine Pommes, ganz kleine!
Frau Preuß erzählt schwungvoll weiter. „Der Doktor predigt also munter vor sich hin und was glauben Sie, was nun kommt?“ „Keine Ahnung,“ quetsche ich zwischen zwei Bissen mühsam hervor. „Frau Preuß,“ sagt der junge Hüpfer mir doch glatt ins Gesicht, „Sie sind stark adipös und in ihrem Alter ist das gesundheitsgefährdend.“
Das sagt der einfach so, ohne dass der mich kennt. adipös, das ist doch ein starkes Stück. Ich bin vieles, aber adipös? Das geht zu weit. Oder? Sag doch mal, Frau Bauer-äh-Dings!“Ich nicke, leicht schockiert. Adipös. Au weia. „Und was haben Sie dann gemacht, liebe Gerdi?“ Die kräftige Frau Preuß baut sich vor mir auf: „Ich setze mein schönstes Preußen-Gesicht auf und dann geht es los: „Jetzt hören Sie mir mal zu, junger Mann. Haben Sie schon mal etwas gehört von der Schlacht am Teutoburger Wald? Wenn ja, wissen Sie was jetzt auf sie zurollt und das ist tatsächlich gesundheitsgefährdend, aber nicht für mich.“
Da springt der Doktor auf und fängt das Beschwichtigen an: „Nein, Frau Preuß, das ist jetzt ein Missverständnis, wie soll ich sagen: Das Problem mit dem Übergewicht kriegen wir in den Griff. Wachsen sie erst mal in Ruhe – sagen wir 70 bis 80 cm. Und mit ein bisschen Konzentration werden sie ja vielleicht auch noch mal 15 Jahre jünger. Alles eine Frage des guten Willens.“ So ein blöder Fatzke. Zuhause habe ich erstmal nachgeguckt, was adipös überhaupt heißt. FETTSÜCHTIG! Frau Bauer-Banzhaf, fettsüchtig! Ich fange doch nicht gleich das Zittern an, wenn ich mal keine Butter esse. Das halte ich gut aus, auch mal einen ganzen Vormittag. Nee, das ist doch widerlich!“
„Naja,“ bemerke ich vorsichtig, „adipös ist man heutzutage tatsächlich schnell, da sind diese Listen von der WHO, das ist alles sehr streng geworden.“ Ich weiß schließlich, wovon ich rede … Frau Preuß nickt. „Ja, da haben Sie recht. Aber es nützt ja nix. Ich bin dann in mich gegangen und sage gestern zu meinem Willi: „Willi“, sage ich, „das Fett muss weg. Zehn Kilo müssen runter. Du acht, ich zwei. Das ist ja wohl zu schaffen. Und ab sofort gibt es im Kiosk Smoothies statt Kuchen. Die Reste der letzten fetten Torten nimmt mir bestimmt jemand ab, wetten?“
Benommen und vollgestopft wanke ich von dannen. Ab morgen mache ich Diät. Oder besser ab Montag. Ganz bestimmt!
Heike Bauer-Banzhaf bleibt auch im letzten Drittel ihrer beruflichen Karriere vielseitig: Sie arbeitet als Autorin, freie (Trauer-) Rednerin und Coach.
Mehr unter www.bauer-banzhaf.de.